(Was meine Branche aus) MenschenMacht

Überlegungsverkettungen
Was es wohl bedeutet, eine ganze Gruppe von Zielen ins Visir zu nehmen, dann aber doch wieder nur Zahlen vor Augen zu haben, die sich belanglos ergänzen?
Wie es sich wohl anfühlt, so viel Zielwasser zu trinken, daß man am Ende vor lauter Aktionstrunkenheit gar nichts mehr kantenscharf erkennen kann?
Warum es wohl so viele tun, aber niemand weiß warum?
Haben Sie das schon mal gemacht? Einfach mal auf eine Frage geantwortet, die noch gar nicht gestellt wurde? Einer alten Dame über die Straße geholfen, die viel lieber stehen geblieben wäre? Sich verteidigt, noch bevor Sie angegriffen wurden? Das Trainingscamp nach dem Wettkampf besucht? Erst gespült und dann gekocht? Zuerst abgezogen …?
Eben.
Neulich in der Sauna ist es wieder passiert. Frauen und Männer werden ihresgleichen zugeordnet und sind unter sich. Denkt man. Alle Männer lesen Bild. Alle Frauen essen Gemüse. Alle Männer schauen Fußball. Alle Frauen wollen Pitt oder Clooney. Alle Frauen sind schön und alle Männer stark. Männer trinken Bier, Frauen nur Wasser. Alle. Denkt man. Und dann sieht man sie. Die Handtuchmuster und die Fußnägel. Die Flip-Flops und die Latschen. Die Kleinen, die Nichtsokleinen und die Großen. Man spürt die Blicke und schickt selber welche durch den Nebel. Man tauscht Floskeln aus, erfährt vom Wetter und weiß in Sekundenschnelle etwas über den anderen. Und man merkt, es gibt nicht nur den kleinen Unterschied.
Mein Nachbar Horst wäre beinahe verendet, als er seinen Wagen gegen eine Laterne setzte, weil er seine Augen nicht von dem Plakat mit den 4 Sloggy-Mädels abwenden konnte, die ihm ihre wohlproportionierten Rückansichten in sein Bewusstsein drängten. Horst ist 67 Jahre alt und hat seine Marlies vor 43 Jahren geheiratet. In 43 Jahren ist so einiges passiert.
Alle Horsts dieser Welt kennen die Bilder dieser Kampagne. Aber kein Horst würde seiner Marlies einen Sloggy String-Tanga kaufen.
Man schaut den Menschen immer nur vor den Kopf, hat meine Oma immer gesagt. Recht hatte sie. Bis zum September 1998. Seitdem tippen die 1,8 Milliarden Internetuser und ich unter dem Scheinschutzschild der Anonymität ihre intimsten Wünsche in ein kleines Suchfeld. Hier versteht man uns und führt uns in Sekundenbruchteilschnelle unserer Begehrlichkeit zu. Der totale Service. Und das, obwohl wir uns nicht einmal verstellen müssen. Es stört niemanden, dass wir heute noch nicht geduscht haben und keiner fragt uns, warum wir noch einen Partner suchen, obwohl wir ja schon mit 20 in Kontakt stehen. Und das alles ohne Hose. Wir sind so mutig wie sonst nirgendwo, wenn wir unseren Unmut in die Welt entlassen. Über Politiker die lügen. Über Wäsche die gar nicht weißer wird, als die im letzten Jahr. Über den Vertreter den wie eben noch so nett mit Kaffee und Kuchen bewirtet haben. Und das Beste daran ist: Alle können sehen wie konsequent wir sind. Wir tragen unsere Meinung gefahrlos von On- zu Offline. Und wenn wir Glück haben, bekommen wir sogar ein Geschenk von denen, die wir kritisieren, damit sie nicht so schlecht wegkommen.
Heute wüsste auch meine Oma, dass man den Menschen immer in Kopf, Herz und Hose schaut.
Ich bin der Auserwählte. Kein Scherz. Es geht um mich. Weil mich keiner mehr anmacht. Sonst wär ick ja nich` ick. Ich bin der, der angesprochen wird. Das merke ich deutlich, weil man es mir sagt. Und am Ende bleibt dann ein Versprechen. Leck mich! Und wenn das verhallt ist? Was bleibt mir, wenn die Worthülsen gesprengt und die Wahrheit freigelegt ist? Wo bleibt der Mehrwert? Warum sollte ich das gleiche Versprechen noch einmal kaufen? Wo ist die Welt, die sich mir eröffnet und mein Leben bereichert, die mich tiefergehend befriedigt, als das Heilsversprechen für die Masse?
Ich habe es nie so ganz nachvollziehen können warum man das macht. Was bringt es diesen Leuten und was treibt sie an? Ich meine, sie werden ja meistens nach spätestens 20 bis 30 Sekunden geschnappt und dann sehr unsanft abgeführt. Und das vor all den Leuten. Aber irgendwie wollen sie ja genau das. Möglicherweise geht es darum, sich selber etwas zu beweisen. Vielleicht aber auch nur um Aufmerksamkeit. Warhol dachte noch es wären 15 Minuten. 15 Sekunden scheinen völlig auszureichen. Aber kann man das wissen, wenn man er nicht erlebt hat? Vielleicht muss hier jeder seine eigenen Erfahrungen machen.
Ich glaube, ich versuche es auch einmal als Flitzer.
Manchmal muss es eben Mumm sein. Das Ziel sollte sein, ausgelacht zu werden. Nie sind es die Ängstlichen, die Kleingeister oder Bürokraten, die eine vorgefertigte Agenda abfrühstücken, wenn es darum geht, etwas Neues zu entdecken oder zu entwickeln. Oft steckt nicht einmal eine formulierte Absicht dahinter. Ohne Mumm und Verve und Glück und Zufall gäbe es nichts von dem, was wir täglich benutzen.
Es gibt viele gute Gründe etwas besitzen zu wollen. Oder profane. Oder gefühlte. Für die einen ist es Bequemlichkeit. Die anderen suchen Sicherheit. Bei vielen steht ein Status-Upgrade im Vordergrund. Sinnsucher versuchen ihrem Streben etwas näher zu kommen oder direkt einen komplett neuen Sinn in den Fokus ihrer Begierde zu stellen. Das Neue überhaupt. Die meisten brauchen gar nichts, schon gar nicht das was sie wollen. Was sie aber wollen ist, das Wollen an sich. Sie wollen einfach etwas Neues erbeuten, jagen, sammeln können. Jäger und Sammler machen eine weitere, große verspielte aber ernsthafte Gruppe aus. Alle wollen etwas haben.
Man muss es ihnen nur sagen.
Orginal: Blogvogel, 5.5.2011

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